Wortbeitrag zum Thema Umbenennung des Pijnacker-Platzes von Kai Hilbig am 12. 12. 2016

Allgemein12. Dezember 2016

DS_18-058.pdf

Sehr geehrter Herr Stadtverordnetenvorsteher,
sehr geehrte Damen und Herren vom Magistrat,
sehr geehrte Kollegen,
liebe Bürger,

was haben wir in den vergangenen Wochen nicht alles zu diesem Thema gehört?

Gibt es denn nichts Wichtigeres zu tun?

Soll das jetzt den Leuten zeigen, wo man schnell einen freien Parkplatz finden kann?

Freier Platz: was soll das sein – ein Platz wo die Freier stehen?

Oder es werden Erinnerungen an die deutsch-holländische Freundschaft aufgezählt, gerne auch diese, die sich um das ein oder andere Biergläschen drehen oder emotionale Abschiede in Gasthäusern beschreiben.

Niemand soll sich seine Erinnerungen nehmen lassen – sie sind wichtig und Teil der eigenen Geschichte der Menschen, die sich zum Teil lange und intensiv um dieseStädtepartnerschaften gekümmert haben. Und Schnee von gestern ist das auf keinen Fall.

Allerdings hatten die damaligen Stadtväter sicherlich nicht unbedingt diese gesellschaftlichen Auswirkungen im Blick, als sie 1974 den damaligen Freien Platz in Pijnacker-Platz umbenannt haben.

Die Idee der Städtepartnerschaften war und istnach wie vor richtig. Geht es doch um das gegenseitige Kennen- und VoneinanderLernen, um auf diese Weise Vertrauen und europäisches Verständnis zu entwickeln.

Und eines kann man nicht oft genug betonen: Auch sie sind eine ganz wichtige Säule für 70 Jahre Frieden im Europa der Gründertage.

So hat auch die Städtepartnerschaft mit Pijnacker den Gedanken der europäischen Väter aufgegriffen, und viele Steinbacher haben diese mitbegründet, begleitet, gelebt, gemeinsam gelacht und mit ganz viel Engagement lange Jahre gepflegt.

Wie viel Herzblut darin und in den Erinnerungen lebt, wie viel Miteinander eine Städtepartnerschaft bedeutet, versuche ich mit meiner Frau gerade nachzuvollziehen, indem wir uns im letzten Jahr zum ersten Mal der Delegation nach St. Avertin angeschlossen haben.

Eines wurde uns dabei sofort deutlich: Ein Selbstläufer ist das nicht, und möglicherweise haben die Städtepartnerschaften ihr eigentliches Ziel schon lange erreicht, ja sogar mehr als erfüllt und eine Weiterführung über die Generationen hinweg wird schwer umzusetzen sein.

Das heißt vor allem, dass man nach neuen Ausrichtungen innerhalb der Freundschaften sucht. Mit St. Avertin ist das ein lebendiger Prozess – mit Pijnacker gab es diese Neuausrichtung leider nicht.

Das allein ist beileibe kein Grund einen Platz umzubenennen.

Wenn man die Geschichte der Städtepartnerschaft zu Pijnacker erzählt, dann muss man fairerweise die ganze Geschichte erzählen.

Und dazu gehört eben auch das unrühmliche Ende.

Die Städtepartnerschaft ist nicht einfach eingeschlafen oder ruht bis sich neue Kräfte finden. Nein, sie ist von Pijnacker offiziell aufgekündigt worden. Sie passte einfach nicht mehr in die Struktur der neu zusammengeschlossenen Stadt Pijnacker-Nootdorp.

Schauen Sie heute mal nach Pijnacker: keine Straße, kein Platz erinnert mehr an diese Zeit mit Steinbach. Es ist, als hätte es diese Zeit nicht gegeben.

Aus meiner Sicht darfund sollte Städtepartnerschaft und vor allem Europa nicht so funktionieren. Wenn es leicht ist und wenn es Spaß macht, dann geht man gemeinsam – aber wenn Situationen unkomfortabel oder gar unbequem werden, dann geht man lieber wieder allein seinen eigenen Weg.

Europa braucht Beständigkeit und gemeinsame Werte – aber bestimmt nicht einen Platz, der einen Namen trägt, dessen Stern verglüht ist und der in unseren Augen mit seinem negativen Ende den falschen europäischen Gedanken aus Gewohnheit auf Jahre hin weiter dokumentieren würde.

Wir wollen daher einem unseren wichtigsten Plätze wieder einen Namen geben, der zu ihm passt.

Dabei haben wir uns nicht um Neuschöpfungen, wie Europaplatz, Brunnenplatz oder Platz der vier lebenden Bürgermeister bemüht.

Warum auch?

Warum sollen wir krampfhaft nach einem neuen Sinnbild suchen, wenn wir eine eigene Geschichte zu erzählen haben?

Der Freie Platz ist Geschichte genug …

Unsere Stadt entwickelt sich. Es entsteht die »Neue Steinbacher Mitte« rund um den St.-Avertin-Platz herum. Ein neuer Stadtkern mit der neuen Kirche, dem neuen Bürgerhaus, mit der neuen Seniorenwohnanlage, dem Neubau der 31 Wohnungen im Living Steinbach und vor allem mit der Neugestaltung des St-Avertin-Platzes selber.

Im Kontrast dazu soll der Freie Platz stehen.

Er bleibt mit dem Laufbrunnen unser Herz, und bildet mit den umliegenden Straßen unser historisches Zentrum.

  • Hier hat sich der Dienstagsmarkt etabliert.
  • Hier stehen die ältesten Gasthäuser, die wunderschöne St. Georgskirche, das Backhaus, das Heimatmuseum.
  • Hier werden mit dem Weihnachtsmarkt und dem Bürgerschoppen die gemütlichsten Feste gefeiert, hier wird das Bachrecht getauft.

Und früher?
Das lebensnotwendige Wasser wurde hier geholt, hier wurde Tratsch und Politik gemacht. Die Besatzer standen hier – der Chambree verlas hier die neusten behördlichen Kundmachungen. Das Rathaus und die Schule waren hier. Hier wurde nach getaner Arbeit im Jahresrhythmus die Kirchweih gefeiert. Dabei ist sicherlich der ein oder andere auch mal in den, damals offen liegenden, Steinbach geflogen.

Wie dem auch sei: auf alle Fälle war hier die Lebensader Steinbachs.

Wer in diesem Zusammenhang von einem »sinnleeren« oder »inhaltsleeren« Namen spricht, der ordnet in meinen Augen die spannende Steinbacher Geschichte und Stadtentwicklung nicht gut ein.
Ein Rückbesinnen auf die eigene Vergangenheit und die eigene Geschichte ist weder falsch noch ist es dorfromantisches Denken.

Aber warum wollen wir scheinbar unbeirrt den Namen »Freier Platz«?

Ganz sicher nicht weil wir eine zwingende Notwendigkeit haben.

Aber ganz sicher, weil wir eine große Chance sehen: wir sehen die Chance die Historische Mitte zu komplettieren.

Der Kollege Kumar wird heute in der TZ zitiert: »Fast niemand wusste, dass der Platz früher einmal einen anderen Namen hatte«.

Ja, wenn das die einzige Hürde ist, dann kann da doch geholfen werden. Wir können doch nichts dafür, dass viele Mitbürger die Steinbacher Geschichte nicht so verinnerlicht haben und sie daher nicht so kennen.

Aber es ist ja nicht so, dass es keine Möglichkeit gibt sich über Steinbach zu informieren. Da möchte ich jedem interessierten Bürger gerne das Heimatmuseum nahelegen, wo engagierte Mitbürger gerne etwas zu der Geschichte Steinbachs erzählen.

Ich kann hier und heute gerne damit anfangen:

Dies ist das bekannte Steinbacher Geschichtsbuch von Herman Pauli. Ich habe hier die Auflage von 1970, die über Jahrzehnte hinausdas »ultimative« historische Nachschlagwerk war.

Hier finden Sie diese Darstellung des Historischen Stadtkerns.

Sie finden die Kirchgasse, die Schwanengasse, die Bornhohl, die Borngasse, die Bahnstraße, die Eschborner Straße. Alles Namen, die heute noch gültig sind und die es immer gegeben hat.

Nur ein Name fehlt: der Freie Platz

Machen wir uns aber nichts vor, jeder spürt wohl, dass dieser Platz nicht mehr so belebt sein wird, wie wir es uns sicherlich alle wünschen würden. Wir können die Privatwirtschaft nicht zwingen, das gewünschte Café oder den kleinen Nahversorger einzurichten, aber wir können die zukünftigen Rahmenbedingungen beeinflussen und wir wollen diese städtegestalterische Möglichkeit nutzen,um mit der Steuerung durch den Bebauungsplan und mit der Namensgebung die »Alte Historische Mitte« zu stärken.

Mit dem »Freien Platz« fehlt ein letzter Name und so entstünde dann das komplette historische Paket.

Zwar kann man über den Zeitpunkt der Umbenennung geteilter Meinung sein, aber nachdem auch die Christdemokraten mit deutlichen Worten auf ihrem Sommerfest und in der Presse eine Umbenennung plötzlich vorangetrieben haben, sind wir gerne auf unseren stehenden Zug wieder aufgesprungen.

Der große Unterschied zu den Kollegen von der CDU ist aber, dass wir schon seit vielen Jahren diesen einen konkreten Plan zur Umbenennung in Freier Platz hatten, den wir jahrelang auf dem Stadtfest vorgestellt haben, der in unserem Wahlprogramm zu finden ist und der im Koalitionsvertrag zur Bearbeitung angekündigt war.

Ich möchte noch etwas zu einem meiner Eingangssätze sagen: »Als ob es in Steinbach nicht dringlichere Probleme gäbe als die Umbenennung des Pijnacker-Platzes. / Es ist schade um die Zeit, welche damit vergeudet wurde.«

Hier möchte ich dem Mitbürger Dieter Hagenlocher sehr danken, der mir heute Morgen in der TZ eine wunderbare Überleitung gegeben hat:

»Während andernorts die Verantwortlichen bemüht sind, ausgeglichene Haushaltspläne aufzustellen, kann man sich in Steinbach mit der Umbenennung eines relativ wenig beachteten Platzes beschäftigen«

Was andernorts geschieht sehen wir mal als nicht so wichtig an. Wir haben aber unseren eigenen Haushalt ausgeglichen vorgestellt und somit haben wir unsere Hausaufgaben gemacht!

Und nicht nur das.

Wir haben in den vergangenen Jahren zusammen mit unseren alten politischen Weggefährten, sowie nun auch mit dem neuen Koalitionspartner, den Kollegen der SPD, kontinuierlich an der Weiterentwicklung und der Gestaltung Steinbachs gewirkt.

Mit unserem Bürgermeister Dr. Stefan Naas bringen wir Steinbach in Form für die zukünftigen Jahre.

Wir haben die Infrastruktur in die Hand genommen, wir haben die Kinderbetreuung im Blick, Neubaugebiete und neue Schulen stehen bereit.

Wir haben die Chance zur vernünftigen Neugestaltung des Bürgerhauses genutzt und wir alle zusammen haben den kommunalen Schutzschirm umgesetzt: eine ausgeglichene Haushaltsführung ist für uns keine Utopie – das kann, wie wir gehört haben,nicht jede Gemeinde von sich sagen.

Wir haben gemeinsam mit liberaler Hand eine Menge bewirkt und angesichts dieses Arbeitspensums, geleistet in der persönlichen Freizeit, kann man wohl kaum davon sprechen, dass wir dringliche Probleme bisher nicht abgearbeitet oder Dinge auf den Weg gebracht hätten.

Steinbach läuft!

Ich ende mit einem Zitat von Walter Herbst, in dem er ganz aktuell zu seiner politischen Bilanz nach 65 Jahren SPD-Parteizugehörigkeit sagt, dass er stolz drauf sei, dass er zusammen mit anderen Steinbach aufbauen konnte.
Ich freue mich darauf, dieses Steinbach von Walter Herbst mit vielen anderen weiterzuentwickeln und auf die kommenden Jahre vorzubereiten.

Der »Freie Platz« ist für uns ein Stück Steinbacher Geschichte – und gehört zu dieser Zukunft dazu!

Wie es sich für eine liberale Partei gehört, stimmen wir mit einer breiten Mehrheit der Magistratsvorlage zu.

Nachtrag am 13. Dezember 2016

Ich wünsche mir, dass alle Mitbürger, die den Platz aus liebgewonnener Verbundenheit gerne so belassen hätten, sich vielleicht mit einer Lösung anfreunden könnten:

Den historische Stadtkern mit allen historischen Namen wieder herzustellen kann man nachvollziehen – ich persönlich (und damit meine ich Sie lieber Leser) werde ihn aber weiterhin Pijnacker-Platz nennen.

Damit stünden Sie in der gleichen Tradition wie die Steinbacher, die ihren Freien Platz nach der Umbenennung von 1974 viele Jahre weiterhin Freien Platz genannt haben. Das hat unserem Steinbach damals nicht geschadet und wird es auch in Zukunft nicht tun. Geben Sie der historischen Rückbenennung einer Chance und erhalten Sie sich Ihren ganz persönlichen Bezug zu diesem Platz, der so viel zu erzählen hat.